Alaska Goldrausch 1

Seit dem Unabhängigkeitskrieg waren die Vereinigten Staaten mit der Kolonialmacht Großbritannien, die den Nordteil Nordamerikas beherrschte, in mehrere kriegerische und diplomatische Konflikte verwickelt. In deren Folge musste die Hudson’s Bay Company, die den größten Teil Kanadas und den Nordwesten der heutigen USA mit Hilfe eines britischen Pelzhandelsmonopols kontrollierte, 1846 ihre Handelsposten südlich des 49. Breitengrades aufgeben. Seitdem setzte die Gruppe unter Gouverneur James Douglas alles daran, die Übernahme British Columbias durch die USA zu verhindern. 1867 erwarben die USA jedoch Alaska von Russland, und viele sagten voraus, dass ganz Kanada an die USA fallen würde. Diese Erwartung wurde im Westen Kanadas verstärkt, als Tausende von Goldsuchern nordwärts strömten, um ab 1858 am Fraser River und ab 1861 im Cariboo-Gebiet ihr Glück zu machen. Nicht nur die Indianer gerieten in die Minderheit, sondern auch die Briten. Diese versuchten nun, ein Gegengewicht zu schaffen, indem sie die Einwanderung aus Europa förderten. Als Kanada auf Initiative Londons 1867 gegründet wurde, um die Expansion der USA nach Norden zu bremsen, dauerte es bis 1871, ehe sich British Columbia gegen erhebliche Konzessionen bereit erklärte, der Konföderation beizutreten. Die Regierung der Provinz British Columbia versuchte, durch Polizeipräsenz und eine strenge Regulierung der langen Anmarschwege die Massenbewegungen unter Kontrolle zu halten und die Golderträge zugleich mit Abgaben zu belegen.

Ein Teil der Goldgräber kam allerdings über Alaska, das den überwiegenden Teil des Küstensaums beherrschte, und das sich unmittelbar westlich des Klondike-Gebiets erstreckte. Dort entstand 1867 das Department of Alaska, doch erst ab 1884 begann die eigentliche Verwaltung durch die USA. Es entstand der District of Alaska. Seine Häfen boten einen leichteren Zugang zum Klondike als die in Kanada. Zwar war die Grenze zwischen dem Hauptteil Alaskas und Kanada schon 1825 von Russen und Briten am 141. Längengrad festgelegt worden, doch war der Grenzverlauf des so genannten Alaska Panhandle, der östlich dieses Längengrads lag und der sich weit in den Süden erstreckte, nicht eindeutig festgelegt. Der daraus resultierende schwelende Konflikt konnte erst 1903 beigelegt werden, so dass beide Länder die Vorgänge am grenzüberschreitenden Yukon, und besonders die am Klondike, genau beobachteten. Eine Kontrolle der langen Grenze war praktisch nicht möglich, und den Goldsuchern im Yukongebiet war es weder klar noch von nennenswerter Bedeutung, ob sie sich gerade auf dem Territorium der USA oder dem Kanadas aufhielten.

Am Zentrum des Goldrauschs, am Zusammenfluss von Klondike und Yukon, befand sich bis 1896 ein im Sommer bewohnter Fischplatz der Han namens Tr’ochëk, ein Dorf, das heute der Tr’ondëk Hwëch’in First Nation gehört, dem dort ansässigen Indianerstamm.[5] Ihr Führer während des Goldrauschs war Chief Isaac. Das Lager befand sich am Südostrand des traditionellen Gebiets der Tr’ondëk Hwëch’in, unmittelbar nördlich von Dawson, auf der anderen Seite des Klondike. Isaac gelang es durch Verhandlungen mit der Anglikanischen Kirche und der Polizei, ein neues Lager zu bekommen, das wenige Kilometer flussabwärts lag und Moosehide hieß. Auch hier lebten, ähnlich wie im verlassenen Dorf, seit rund 8.000 Jahren Indianer. Aus dem alten Dorf entstand der Rotlichtbezirk Lousetown, bald Klondike City genannt.

Schon bevor die Hudson’s Bay Company 1874 Fort Reliance im Gebiet des Stammes errichtet hatte, bestand ein reger Handel, etwa mit Tabak und Tee. Auch mit geringen Goldmengen wurde gehandelt und das Edelmetall zog bereits vereinzelte Goldsucher in die Region.
Indianische Besucher bei einem Potlatch in Kok-wol-too am Chilkat River, etwa 1895
Lager am Chilkoot-Pass, 1898

Die einzigen Indianer, die bis zum Chilkoot Pass handeln durften, einem der beiden Übergänge zum Binnenland, waren die an der Küste ansässigen Tlingit. Die zu dieser Gruppe gehörenden Chilkoot und die Chilkat vom Westarm des Lynn Canal bewachten den Pass und kontrollierten so den Zugang zum Hinterland. Damit besaßen sie ein Monopol für den Handel zwischen Alaska und dem Yukon. Auch die ersten weißen Händler, die nach Pelzen suchten sowie die Pelzhändler der Tutchone und Tagish im Binnenland, die auf die Waren der Weißen hofften, mussten sich ihren Bedingungen fügen, profitierten aber auch selbst, wenn auch in geringerem Maß, vom Zwischenhandelsmonopol. Selbst die weiter nördlich lebenden Trond’ek Hwech’in und Kutchin kamen an den Chilkoot und Chilkat nicht vorbei. Dabei muss man sich diese Handelstätigkeit in großem Maßstab vorstellen, denn manche dieser Händlergruppen umfassten 100 Männer. Im Norden wiederum kämpften diese Gruppen um eigene Handelsmonopole mit der Hudson’s Bay Company, aber auch mit russischen und amerikanischen Pelzhändlern.

Die Tutchonen lieferten dabei Elch- und Karibufelle sowie Schaffelle, aber auch Hörnchen- und Biberfelle, Luchsfelle, Bisamfelle und Otterfelle sowie Schneeschuhhasenfelle. Außerdem brachten sie das seltene Kupfer, Sehnen und gelbe Blattflechten, mit denen die Chilkat ihre Decken färbten.

Die Chilkat lieferten im Gegenzug essbaren Tang, Körbe aus Holzfasern, Muscheln, die zu Schmuck verarbeitet waren, Sklaven, europäische Handelsgüter und das begehrte Fett des Kerzenfischs (eulachon). Dieses Handelsgut war so wichtig und wurde in solchen Mengen über die Berge getragen, dass die Wege als „Fettpfade“ (grease trails) bezeichnet wurden. Zu den europäischen Waren gehörten Decken, Kattun, Kessel, Äxte und Messer, Fallen, Gewehre und sonstige Metallwaren, aber auch Kaffee, Tee, Mehl und Tabak. Sie wurden häufig von den südlichen Tutchone weitergetauscht, so dass sie weit in den Osten gelangten.

Die Wasserwege am Chilkoot Trail waren von größter Bedeutung, denn sie ließen sich mit Einbäumen und Kanus aus Elchhaut befahren. Auch erwarben die Chilkoot Boote aus Walrosshaut von den Tlingit von Yakutat. Für die Goldsucher mit ihrer schweren Ausrüstung waren diese Boote jedoch zu leicht gebaut.
Fort Selkirk

Die Chilkoot verteidigten ihr Monopol notfalls auch mit Waffengewalt. Als 1848 der Händler der Hudson’s Bay Company Robert Campbell einen Handelsposten bei Fort Selkirk errichtete, nahe am Zusammenfluss von Yukon und Pelly, bedrohte er ihr Monopol. Daher zerstörten sie 1852 den Posten.

1878 kam jedoch George Holt unbemerkt über den Chilkoot-Pass, und er brachte eine sehr geringe Menge Gold mit. Dies genügte, um einige Goldsucher in die Region zu locken. Zugleich trafen anglikanische Missionare in der Gegend ein, die in großer Eile Taufen durchführten, um ihren katholischen Konkurrenten zuvorzukommen. Superintendent Charles Constantine, der die erste Polizeitruppe der Mounted Police führte, beschwerte sich über Bischof William Bompas, weil dieser sich in seinen Augen zu sehr um die Indianer kümmerte. Zudem beschwerte er sich über einige Indianer, die auf Kosten der Goldgräber durch Prostituierung ihrer „Squaws“ lebten.[6] Ob sie wirklich ihre Frauen offerierten, bleibt ungeklärt.

Gleichzeitig machte sich eine Doppelmoral breit, denn dieselben Männer, die sich mit Indianerinnen einließen, verachteten jene Männer, die zu den Indianern zogen, weil sie die Beziehung ernst nahmen. Man nannte sie „Squaw-Männer“. Es sollte mit George Carmack gerade ein solcher Mann sein, der den größten Goldrausch Kanadas auslöste.

Ab 1880 drängten zunehmend Sucher in den Yukon, und die Chilkoot verdienten sehr gut als Träger, zumal manche von ihnen schnell Englisch lernten. Anfangs nahmen sie 12 Cent pro Pfund der Goldsucherausrüstung, die sie über 40 km über den Pass bis zum Lindeman-See schleppten. Am Ende des ersten Rauschjahres verlangten sie bereits 38 Cent, doch forderten sie erheblich mehr für sperrige Güter, wie Öfen, Klaviere oder Holz. Manchmal ließen sie sich auch von Goldsuchern durch höhere Angebote abwerben. Da sie als Christen nicht sonntags arbeiteten, mussten die Goldsucher an diesem Wochentag selbst tragen. Die bärtigen Männer (sie trugen zumindest einen Schnäuzer) trugen bis zu 200 Pfund, Frauen und Halbwüchsige bis zu 75 Pfund. Es fiel den Weißen auf, dass sie häufig schmutzig zu sein schienen und nach Fisch rochen, denn sie nutzten eine Mischung aus Robbenöl und Ruß, um sich gegen die brennende Sonne und gegen stechende Insekten zu schützen. Dabei wirkte die schwarze Farbe beinahe wie eine Maske, und so ließ der alaskanische Gouverneur Swineford diese Praxis kurzerhand verbieten.

Schwierigkeiten bereitete die Tatsache, dass die Indianer Gold- und Silbermünzen horteten, so dass zu wenig Geld in Umlauf war. Sie verdienten zwischen 4 und 8 Dollar pro Tag, weiße Arbeiter zwischen 6 und 10. Dabei verdienten auch die Frauen gut, denn sie verkauften Hüte, Handschuhe und so genannte Mukluks, eine besonders warme Art von Stiefeln. Doch je mehr Männer ohne Claims sich im Yukon sammelten, desto niedriger wurden die Löhne. Die Indianer, die noch vor 1896 im Yukon über 80 % der Bevölkerung dargestellt hatten, stellten 1901 nur noch etwas mehr als 10 %. Ihre Kinder wurden nicht in weißen Schulen aufgenommen, noch nicht einmal in Krankenhäusern.

Als es 1886 zu einem ersten größeren Goldfund am Fortymile River gekommen war, zogen mehrere hundert Männer dorthin. Die Indianer versorgten den neuen Ort Forty Mile mit Fisch und Fleisch sowie mit den im Winter lebensnotwendigen Pelzen. Sie erhielten dafür in ihren Augen kunstvolle Glasperlen, Metallgeräte und Alkohol. Doch vertrieb der unruhige Ort auch das Wild, und die Indianer gerieten zunehmend in Abhängigkeit. Zudem verbrauchten die Weißen schnell das wenige Holz der Region als Feuerholz. Darüber hinaus wurden die Indianer von Krankheiten befallen, gegen die sie keine Resistenz aufwiesen. Häuptling Isaac fürchtete die Verrohung der Sitten. Es gelang ihm, während der Jahre des Goldrauschs einen fragilen Frieden aufrechtzuerhalten. Er führte den Stamm bis 1932 und wurde ein Ehrenmitglied des Yukon Order of Pioneers.

Im Frühjahr 1897 siedelten die Indianer fünf Kilometer stromabwärts. Seit Mai 1997 steht der alte Ort unter Denkmalschutz und es begann eine archäologische Erforschung, die sowohl für die indianische Kultur, als auch für die Geschichte des Goldrauschs eine erhebliche Bedeutung aufweist.

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